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Ein Tag mit Alain dem Gemüse-Scout

Alain geht für uns auf die Jagd nach biologischen Lebensmitteln direkt bei den Bauern. Er bespricht mit ihnen unsere Bedürfnisse und gibt uns Bescheid, was die Felder zur entsprechenden Jahreszeit hergeben. Es gibt kaum ein lokales Gemüse, das unser Gemüse-Scout nicht findet.

 

Die Lieferung besteht grösstenteils aus Gemüse und Früchten, die der Grossverteiler nicht abnimmt, weil die Lebensmittel Wetterschäden aufweisen, optisch nicht normgerecht aussehen oder es sich um eine Überproduktion handelt. Diese Freude und Leidenschaft an der Gemüsejagd und mit welchem Elan Alain kurz nach dem Mittagservice bei uns reinspaziert, begeistert mich seit Beginn meines Praktikums. Entsprechend gross war die Vorfreude und Neugier bezüglich des bevorstehenden Seeland-Roadtrips.

 

Der Tag beginnt noch ohne Alain beim Tomaten- und Früchteproduzenten. Auf seinem Betrieb werden wöchentlich 50 Tonnen Tomaten geerntet. Ein Teil davon landet nicht auf dem Markt, weil sie bereits zu reif sind oder optisch nicht der Norm entsprechen. Daraus entsteht eine seiner Hausspezialitäten: die Tomatensugo «Gutknecht». Der Kontakt zwischen „Mein Küchenchef“ hat sich im Laufe der Zeit so entwickelt, dass uns Gutknecht letzte Woche per Telefon überschüssige Tomaten anbot, die auch er nicht weiterverarbeiten kann. Dies ist einerseits ein gutes Zeichen der Kooperation und andererseits scheint die Bereitschaft einen Beitrag an ein nachhaltigeres System zu leisten, gross zu sein.

 

Das Angebot im Hofladen ist überwältigend. Wenn hier der Wocheneinkauf gemacht wird, wird der Gang zu Migros oder Coop überflüssig, denn Gutknecht ergänzt das hofeigene Angebot durch Importware, sodass ein vollumfängliches Sortiment angeboten wird. Mirko Buri scheint hier eine Bekanntheit zu sein, denn es vergehen kaum fünf Minuten bis eine Mitarbeiterin ihn erspäht und uns in die Lagerhalle führt. Hier warten 100kg Tomaten. Die acht IFCOS sehen völlig verloren aus neben den meterhoch gestapelten Paletten. Ist dieser Kofferraum gefüllt mit Food-Waste-Tomaten vielleicht nur ein Tropfen auf einen sehr heissen Stein? Diese Frage wird hoffentlich im Laufe der nächsten Stunden beantwortet.

 

Beim Bahnhof Kerzers treffe ich nun Alain. Wir kurven von Bauer zu Bauer, holen Ware ab, welche teilweise von Alain entsprechend bestellt wurde und teilweise warten die bereits erwähnten „Zauberkisten“ auf uns – Ware, die der Bauer nicht auf dem konventionellen Markt absetzen kann und sie deshalb zu attraktiven Preisen an Alain verkauft. Kaum ist die Ware gekauft, zückt Alain sein Handy ruft einen Kunden, in diesem Fall, Mustafa, Betreiber eines Quartierladens, an und innert Minuten ist die Ware, von der soeben noch niemand etwas wusste, verkauft.

 

Ein Bauer in der Nähe stellt Alain einen Kühlraum zur Verfügung. Hier wird die Ware zwischengelagert, die in ein paar Stunden im Frigor in Köniz steht. Aber auch die Ware für den Quartierladen wird hier abgestellt und wartet darauf von Mustafa abgeholt zu werden. Weiter geht es zum Spargelbauer, dies ist die letzte Ernte. Der Bauer unterbricht sein Mittagessen, hält einen kurzen Schwatz mit Alain und mir und kriegt den Betrag für die letzten Spargeln der Saison bar auf die Hand.

 

Wir sind im Schuss: Die nächste Station ist ein neuer spannender Kontakt und gemäss Alain ein grosser Fisch. Es handelt sich um eine Bio-Produzentenorganisation, die biologisch angebaute Lebensmittel aus dem In- und Ausland zentral verpackt und vertreibt. Wir staunen nicht schlecht als man uns die 45 Kisten mit Fenchel, Äpfel, Zucchetti, Salat, Broccoli und Auberginen – alles Ware, die der Grossverteiler nicht annimmt – zu einem sehr fairen Preis anbietet. In der Tat ein grosser Fisch… Als wir die Ärmel hochkrempeln und etwas ungläubig die Ware, die ohne uns wahrscheinlich in ein paar Stunden zu Biogas verarbeitet würde, einladen, schauen die Mitarbeiter uns etwas verdutzt an. Alain erklärt mir, dass diese Menge für uns nun aussergewöhnlich erscheint. Für die Betriebe, die täglich tonnenweise Lebensmittel sortieren und abpacken, sind diese Kisten aber täglich Brot und eher ein Hämpfeli als wie für uns ein voller Lieferwagen. Die Problematik muss demnach immer in den Kontext der Verhältnisse gesetzt werden und dennoch handelt es sich um Lebensmittel, die wir in der Küche zu gut hundert Tagesmenüs weiterverarbeiten werden. Die Mitarbeiter, die auf den Höfen pflücken und Erntearbeiten verrichten oder in Produzentenorganisationen sortieren und abpacken, sind übrigens grösstenteils Gastarbeiter und Gastarbeiterinnen aus Osteuropa. Man sieht ihnen die harte Arbeit und die langen Tage an. Diese Kisten einzupacken und dafür einen angemessenen Preis zu zahlen, sollte rein aus Respekt und Wertschätzung gegenüber ihrer Arbeit in unserer Verantwortung liegen.

 

Kaum sitzen wir im gefüllten Lieferwagen hat Alain das Handy am Ohr und es vergehen wiederum nur wenige Sekunden bis die Ware, die soeben erworben wurde, verkauft ist. Auf jedem Hof bin ich aufs Neue erstaunt, wie positiv, kollegial teilweise beinahe familiär und kooperativ das Verhältnis zwischen Alain und seinen Lieferanten ist. Es wird zwar über Preise verhandelt und teilweise kann man spüren, dass es den Bauern Überwindung kostet, ihre Ausschussware anstelle der Erstklassenware zu verkaufen. Dennoch bleibt der Ton stets freundlich und Alain darf sich selbstständig in den Abfallcontainern bedienen.

 

Gemäss Alain sei dies nicht immer so gewesen und auch heute komme er mit Produzenten in Kontakt, die nur sehr widerwillig bereit sind, ihm ihren Überschuss zu verkaufen. Sein Konzept widerspricht dem System, welches jahrelang (gut?) funktioniert hat. Mit seiner positiven und zugänglichen Persönlichkeit, kommt Alain aber gut an und er vermag es, auf unverblümte Art zu sensibilisieren und zu überzeugen. Er zeigt sich gegenüber den Lebensmitteln sehr wertschätzend und hat Freude an deren Vielfältigkeit und Einzigartigkeiten.

 

Die letzte Anlaufstelle unseres Roadtrips ist Terraviva, ebenfalls eine Produzentenorganisation von Biogemüse und -früchten. Auch hier im Büro begrüsst man Alain familiär. Er rühmt die Arbeit der administrativen Mitarbeiter und Mitarberiterinnen. Einer unter ihnen ist Koch und durch seine Erfahrung weiss er genau welche Zauberkisten für Alain interessant sein könnten. Bei Terraviva kauf Alain neben normgerechter Ware auch Ausschussware ein. Die Mitarbeiter und Mitarberiterinnen, die flink wie Wiesel Unmengen an Salat, Erdbeeren und Zucchetti abpacken, schauen mich schräg an, als ich in den Ausschuss-Container etwas genauer unter die Lupe nehme.

Als wir uns auf den Weg nach Köniz machen, führe ich mit Alain eine Diskussion über die Kategorisierung von Lebensmittel in eine erste und zweite Qualitätsklasse. Ein Klassensystem bei Gemüse und Früchten? Ja, das aktuelle System will es so. Diese Normen haben sich auch in den Köpfen der Konsumierenden etabliert. Arbeitet man aber täglich mit frischer, farbenfroher und vor allem extrem geschmacksvoller Frischware kommt einem diese Diskussion paradox vor. Dieser Eindruck bestätigt sich für mich, wenn ich durch den Seeländer Gemüsekosmos fahre. Die endlos scheinenden Acker, die idyllischen Höfen ergeben eine surreales Bild ab und zeigen das Privileg auf, in jeder Saison auf solch vielfältiges Gemüse- und Früchteangebot der heimischen Landwirtschaft zurückgreifen zu können. Erhält man einen Blick hinter die Kulissen, wird einem bewusst wie viel menschliche, natürliche und finanzielle Energie hinter der Idylle steckt. Dass sich unsere Wohlstandsgesellschaft es sich leisten kann, diese Ressourcen zu verschwenden und die Energie, die im Anbau, der Ernte und der Weiterverarbeitung nicht wertschätzt, macht die Idylle trügerisch.

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